Persönliche Berichte unserer PatientInnen

Bevor ich hier her kam, dachte ich, mein Körper sei ein Kostüm & dass ich ihn mit reiner Willensstärke verändern & formen könnte. Ich dachte, wenn ich nur ein anderes Kostüm hätte, dann sei ich ein anderer Mensch, einer, der vielleicht sogar gut sei. Dass ich ein anderer Mensch war, das stimmte wohl, aber gut?

Das war weit gefehlt. In meinen Augen gab es kein „gut“ mehr und wenn doch, war es nicht gut genug.

     !Reine Illusion der Perfektion!

Perfektion, das war das, wonach ich strebte, 5 Jahre lang suchte ich sie, ja, war besessen von ihr, bis mir klar wurde, es gibt sie nicht.

Hier fing ich zum ersten Mal richtig an, meinen Körper Stück für Stück zu akzeptieren & somit auch die Tatsache, das Idealismus & das Streben nach Vollkommenheit eine Aggression der Realität & somit unerreichbar ist. Der Wunsch, perfekt zu sein, liegt mir nun, elf Wochen später, so fern wie nie. Ich habe Macken. Ich habe Ecken. Ich habe Fehler. Aber all diese Dinge machen mich aus.

Heute blicke ich auf die Trümmer der letzten 5 Jahre zurück, doch ich belasse es dabei. Ich möchte nichts wieder kleben oder aufbauen & mich dabei verletzen, ich lächle & erbaue mir etwas eigenes, etwas Neues.

Ich weiß jetzt, wer ich bin, was ich will und wie ich das ausleben kann. Ich habe wieder Lust zu leben! Wie in dem Film „Der Club der toten Dichter“ so schön gesagt wurde:“ ich möchte das Mark des Lebens in mir einsaugen.“ Ich will die Welt entdecken, Neues und neue Menschen kennen lernen. Zwar will ich nicht wie jeder leben, aber ich möchte nicht mehr perfekt sein. Ich kenne meine Stärken, aber auch meine Schwächen. Die Welt steht mir offen. Die verschiedenen Farben haben sich zu einem abstrakten, wunderschönen, interessanten und völlig einzigartigen Kunststück in mir zusammengefügt. Jeden neuen Tag kann ich glücklich und mit einem Lächeln beginnen. Jede Sekunde möchte ich fühlen, erleben und ausfüllen wie keine zuvor. Ich bin Annika, ich bin ich, ich bin schön, ich bin hier, jetzt, und das kann mir keiner nehmen. Auch nicht ich selber. Hierhabe ich gelernt, was es bedeutet, das Leben zu fühlen, das Kribbeln im Körper. Manchmal habe ich das Gefühl, das Leben läuft durch meine Adern, weil ich es zu einem Teil von mir gemacht habe. Denn mein leben, meine Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, gehört mir und ich werde sie mit allen den Dingen füllen, die mir wichtig sind. So intensiv habe ich noch nie gefühlt oder gelebt. Zwar weiß ich, dass es auch dunkle Zeiten in meinem Leben geben wird, aber darauf folgt immer das Glück. Momentan habe ich das Gefühl, im warmen Licht der Sonne am Meer zu stehen und das Rauschen der Wellen zu hören und eins mit der ganzen Welt, mit den schönen und den hässlichen Seiten zu sein. Es gibt kein schöneres Gefühl, als zu leben, mit Leib, Seele, Gedanken, Gefühlen. Ich verlange nichts, nur zu leben. Und dieses Geschenk erhalte ich mit jeder Sekunde, die ich atme.

Meine Gedanken kreisen nicht mehr ums Essen, Kalorien oder Probleme, die unlösbar schienen, denn die brauche ich nicht mehr. Ich muss nicht mehr kotzen, um mich lebendig zu spüren, ich muss nicht mehr weinen, um der Welt zu zeigen, wie scheiße es mir geht und ich muss mich nicht mehr streiten, um Selbstbewusstsein vorzutäuschen. Für all das habe ich keine Zeit, keinen Platz und keine Lust mehr. Wenn ich mit 80 im Altersheim liege und mich nicht mehr selbst versorgen kann, will ich wissen, dass ich gelebt habe und nicht denken müssen, dass ich mein Leben verkotzt habe. Ich bin nicht mehr Ana oder Mia, ich bin ich. Und ich lebe jetzt und hier und das so intensiv wie irgends mörglich. Carpe diem. Nutze den Tag. Danach lebe ich. Nicht mehr von einem unerreichbaren, perfektionistischen Ziel am nächsten, sondern von Sekunde zu Sekunde. Herzschlag zu Herzschlag. Ich bin keine tote menschliche Hülle mehr, sondern ein Teil dieser wunderschönen Welt, voller Gefühl und Träume, die nur so brodeln und sprudeln und mich füllen. Warum sollte ich mich verstecken auf der Toilette über der Kloschüssel, wenn ich draußen die Faszination Leben erfahren kann?

Ich habe hier gelernt, wie wichtig das Leben ist und dass man dieses eine nicht leichtfertig wegschmeißen sollte. Ich bin so dankbar für alles, was ich hier erleben durfte und für alles, was ich dadurch noch erleben werde. Ich werde leben, einzigartig und unverwechselbar und das verdanke ich dieser Klinik. Die Hauptaussage daraus ist für mich: Lebe heute, erfüllt von Glück und Leben, im Wunder deiner selbst, im Strahl der Hoffnung, auf dem Weg in die unvergleichliche Zukunft.

Hey Essstörung, 

du bist ein richtiges scheiß Wesen. Du hast mir meine Lebensfreude, mein Selbstbewusstsein, meinen Mut genommen. Du hast mir mein Leben geklaut. Du bist ein Verräter und richtig hinterlistig. So etwas Dummes und Unnötiges hab ich noch nie kennengelernt. Mit diesem Brief werde ich mich verabschieden.

Du hast mal zu meinem Leben gehört. Du warst immer „Meine Macke“, „Meine Essstörung“. Doch du hast mir zuletzt mein Leben geraubt. Aber jetzt sag ich STOP FINITO ENDE. Es ist vorbei, du bist nur noch ein etwas, du bist nur noch ein etwas, du bist irgend eine Essstörung. Ich werde und will auf jeden Fall nie wieder was mit dir zu tun haben. Du hast Menschen in den Tod gebracht, na, bist du stolz drauf? Du hast dir Feinde gemacht, Feinde, die sich zusammengeschlossen haben, Feinde, die dich nun bekämpfen. Und du kannst mir glauben, wir jeder für sich wird dich finden. Es wird dir nicht helfen, immer weiter in unsere Körper und Köpfe einzudringen.

Dir wird es nix bringen, denn du bist alleine und ich habe Leute, die mich lieben und die hinter mir stehen. Diese Menschen hat jeder von uns. Du bist nutzlos, unnötig und unbeschreiblich feige. Du setzt dich einfach in die Körper und Köpfe rein…

Unglaublich, dass du uns so verarschen kannst, dass wir dir vertrauen, dass wir sogar so weit gehen und dir zuliebe unser Leben geben, unsere Freunde verlassen und uns selbst aufgeben. Ich habe den Mut gefunden, gegen dich zu kämpfen. Ich will dich nicht mehr. Du bist eine falsche Schlange, einfach nur ein Verräter.

Ich nehme mir alles zurück, was du mir genommen hast: Lebensfreude – Spaß – Freunde – Liebe – Humor – einfach meine Art.

Und das hab ich zum Glück hier geschafft, ich hab mich gerettet. Ich brauche keinem mehr was vorzuspielen! Danke dafür

Ich habe es geschafft, mich kennen zu lernen, zu verstehen und meine Bedürfnisse und meinen Körper zu akzeptieren.
Habe es geschafft, Depressionen beiseite zu  räumen, um für etwas viel schöneres Platz zu machen: Lebensfreude !

Ich lebe wieder !

Mein Weg ist nicht zu Ende und es wird Höhen und Tiefen geben, aber mit dem was ich hier gelernt habe, starte ich gut ausgerüstet ins neue „alte“ Leben. Für jede Situation das passende Werkzeug.
Mit Fähigkeiten, zu lachen, weinen, albern zu sein, zu lieben und das Leben zu genießen.
Jeden Tag aufzustehen und sich von Freude erfüllen lassen.

Was für ein Leben !

Es gibt so viel, was ich eigentlich sagen möchte. Aber es ist schwer, all das in Worte zu fassen. In den letzten 2 ½ Monaten habe ich so viel gelernt und über mich selbst erfahren, was ich ohne diese Klinik niemals geschafft hätte. Ich habe gelernt, dass ich gut bin, wie ich bin, dass ich mich nicht verstecken und mir Essen nicht verdienen muss. Dass ich Fehler machen und haben darf, kein Mensch perfekt sein kann und gerade das jeden einzelnen von uns einzigartig und besonders macht. Ich habe gelernt, dass ich alles schaffen kann, wenn ich es nur will und ich manchmal die einzige Person bin, die mir dabei im Wege steht. Dass es okay ist, Angst zu haben, solange ich mich nicht von meiner Angst leiten lasse und dass ich auch mal über meinen Schatten springen muss, um weiter zu kommen. Dass ich Schwäche zeigen darf und Schwäche zeigen zu können eine Stärke ist. Ich habe gelernt, dass das Leben Spaß machen kann, wenn man die schönen Augenblicke, die das Leben zu bieten hat, genießt, anstatt immer nur das Negative zu betrachten. Dass es mir gut tut, über meine Probleme zu sprechen und ich die Menschen, die mich lieben, nur belaste, wenn ich es nicht tue. Dass ich vor Pferden keine Angst haben brauch, alleine Zug fahren sogar Spaß machen kann und viele Menschen meine tollpatschige Art nicht peinlich, sondern sogar liebenswert finden. Dass ich nicht mehr mit einer Hand die Vergangenheit festhalten sollte, wenn ich beide Hände für die Zukunft brauche. Und dank meiner Gruppe habe ich gelernt, dass bedingungslose Liebe auch außerhalb meiner Familie existieren kann. Ein großes Dankeschön an das gesamte Klinikpersonal, an Herrn R. für seine Geduld, seine Nerven und seine sanften Arschtritte, an meine Mitpat. für euer Verständnis, eure Hilfsbereitschaft und den Spaß, besonders im Raucherpavillion (Rauchen kann also doch was Positives haben) und vor allem natürlich an die Gruppe 8, dafür, dass ihr mir mit die schönsten 10 Wochen meines Lebens beschert habt. DANKE!