W wie Weiter Weg: Erfahrungsbericht einer Patientin die mit der Diagnose Magersucht zu uns kam.


Erfahrungsberichte

Ich war ein Mädchen, das immer gerne aß und etwas pummeliger war. In der Schule hänselte man mich jedoch nie. Als ich dann älter wurde und in die Pubertät kam, wollte ich unbedingt etwas ändern, wie ich unzufrieden mit meiner Figur war. Ich wollte abnehmen und gesünder essen können. Dazu bot mir meine Mutter ihre Unterstützung. Es sollten aber keine Diäten gemacht werden, ich wollte nur lernen, normal essen zu können. Das war mir und meiner Mutter lieber! Ich fing an, mich mit Vollkornprodukten aus dem Bioladen zu ernähren, probierte die Trennkost aus und ließ die Süßigkeiten natürlich ganz weg! Das hielt an bis zum letzten Jahr (2005) Anfang der Sommerferien.
Da ich von Kleinkind an ein chronisches Ohrenproblem habe und in homöopathischer Behandlung war, ging ich wieder zum Homöopathen, um mir von ihm ein Arzneimittel nur gegen die Ohren geben zu lassen, wodurch sich plötzlich mein ganzer Stoffwechsel positiv umstellte, d. h. meine Ohren blieben beschwerdefrei und ich bekam schlagartig von einem auf den anderen Tag kein Hunger- und Appetitgefühl mehr! Wenn ich keinen Hunger habe, muss ich auch nichts essen, ging mir immer durch den Kopf und ich bekam fürchterliche Angst, ohne Hungergefühl essen zu müssen, weil ich nicht wieder in meine pummelige Figur zurückkommen wollte. Zu der Zeit nämlich bekam ich weibliche Proportionen und konnte mich besser annehmen, weil ich erwachsener wurde.

Allerdings wurde es immer schlimmer mit dem Essen, so dass ich teilweise nur eine halbe Scheibe Brot am Tag zu mir nahm und ich verlor immer mehr an Gewicht! Ich hatte dadurch oft Konflikte mit meiner Muter und nahm mir in jeden Ferien vor, es mit ihr wieder in den Griff zu bekommen, was wir aber nie geschafft hatten. Zwar gab es um Weihnachten rum mal Phasen, wo es mir wieder super ging, aber als dann alles mit meinem Vater anfing, dass er sich der Familie gegenüber unmöglich verhielt, und im Prinzip für mich noch nie eine richtige Vaterrolle spielte, bekam ich einen schweren Rückfall. Ich zählte Kalorien und ernährte mich von fettreduzierten Lightprodukten. Ich merkte, dass ich eine große Distanz zu all meinen Freundinnen aufstellte und mich von nichts und niemanden irritieren ließ. Ich ging meinen Weg und hatte gute Schulnoten. Ich bekam so ein Machtgefühl, jeden Tag weniger zu wiegen und es zu schaffen, den ganzen Tag sich abzuhungern! In der Schulzeit vor den Osterferien im Jahr 2006 log ich streckenweise meine Mutter und andere Familienmitglieder mit dem Essen an. Es gab nur noch Diskussionen und Streitereien untereinander.

Schließlich nach langem Überlegen beschloss ich, etwas zu unternehmen und hielt mit meiner Mutter Ausschau nach Kliniken für gestörtes Essverhalten. Als uns die Klinik am Korso empfohlen wurde, informierten wir uns und schauten sie uns an. Sie gefiel uns beiden sehr gut und ich wollte so schnell wie möglich aufgenommen werden. Zum Glück hatte ich nur eineinhalb Wochen Wartezeit, denn ich bekam so langsam mit, wie mein Körper anfing, sich zu verabschieden. Ich hatte Angst. Als der Tag dann anstand , wurde ich zur Klinik am Korso gebracht. Der Abschied von meiner Mutter war sehr schwer, aber nach einer Zeit konnte ich mich wahnsinnig gut in die Gruppe einleben. Jetzt nach neun Wochen Aufenthalt bin ich stolz darauf, diesen Schritt gegangen zu sein. Ich habe mit viel Unterstützung gelernt, mich wieder zu akzeptieren und normal essen zu können, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich bin glücklich darüber, wieder Lebensfreude zu haben und einen neuen, schöneren Lebensweg gemeinsam mit meiner Mutter und meinem Bruder zu führen.

Ich fand mich eigentlich noch relativ annehmbar, obwohl mir schon da mein Bauch missfiel. Trotzdem kam dann doch irgendwann der Zeitpunkt, an dem ich mich für eine Diät entschied. Ausschlaggebend war wohl auch mein zu diesem Zeitpunkt unglückliches „Verliebtsein“ und der Hinweis meiner Mutter darauf, dass die Hosen nicht mehr passte, da ich wohl in der letzten Zeit zugenommen hatte. Dies war mir aber gar nicht so bewusst gewesen und sie legte mir nahe, auf mein Gewicht zu achten. Gleichzeitig lehnte sie eine Diät aber auch nicht ab.
Das Desinteresse des Jungen, in den ich verliebt war, bezog ich dann sofort auf meinen Körper. Mein Aussehen konnte ich nicht all zu schwer verändern, aber am Gewicht ließ sich was drehen. Deshalb vermied ich ab da kalorienreiche Nahrungsmittel und aß auch insgesamt weniger. Mein Zielgewicht war 45 kg. Doch je näher ich dieser Kilozahl rückte, desto unzufriedener wurden meine Eltern. Mit Hilfe einer Kalorientabelle überprüfte ich alles doppelt und dreifach und schon Stunden vor der nächsten Mahlzeit überlegte ich mir genau, was sich mir denn jetzt noch leisten konnte und was besser nicht. Besonders beim Mittagessen kam es dann immer häufiger zum Streit, da ich viele Nahrungsmittel ablehnte und nur das Gemüse aß.

Meine Eltern setzten mich schon bei einem Gewicht von 50 kg unter Druck, wieder mehr zu essen und drohten mit der Psychiatrie. Das alles ging aber an mir vorbei, weil ich unbedingt mein Zielgewicht erreichen wollte und gleichzeitig hatte ich eine ungeheure Wut auf meine Eltern, da ich meinte, sie wollen mir durch ihre ganzen Vorschriften, die verhindern sollten, dass ich weiter abnahm, nur schaden. Schließlich lief es dann wirklich auf die Magersucht hinaus. Ich beschäftigte mich dann nur noch mit Essen, kannte später alle Kalorienwerte auswendig und während ich mir Diäten aus Zeitungen ausschnitt oder aus der Bücherei besorgte, lief meine Mutter dorthin, um sich Bücher über Essstörungen auszuleihen und mir diese vorzulegen. Innerlich konnte ich aber nur darüber lachen, da ich mein Abnehmen noch nicht als Krankheit einschätzte. Mit der Zeit entwickelte ich auch einen Konkurrenzkampf mit allen anderen. Ich war stolz, dünner zu sein als sie, war aber auch neidisch und wütend auf meinen Vater, der zu dem gleichen Zeitpunkt eine Diät durchführte, aber von niemandem daran gehindert wurde. Zu diesen Problemen kamen noch viele Schwierigkeiten mit meinen Freundinnen hinzu, da diese mich nicht verstehen konnten, wenn ich nicht mehr jede Woche mit ihnen Eis essen gehen wollte. Eis schmeckt doch so lecker, wo ist da das Problem? Ständig kam ich mir dämlich vor, immer neue Ausreden vorzubringen oder immer Nein sagen zu müssen.

Ich war regelrecht verzweifelt und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich wollte dieses Gift auf keinen Fall Essen, aber ich wollte meine Freunde auch auf keinen Fall verlieren, also aß ich manchmal mit und hungerte die darauffolgenden Tage umso stärker, oder am besten schon die vorausgehenden. Wenn ich mit meinen Eltern darüber redete, stellten sie meine Probleme als lächerlich dar. Ich grenzte mich deshalb immer mehr aus und die Nachmittage des letzten Jahres verbrachte ich fast ausschließlich in meinem Zimmer. Es sei denn, ich machte Sport. Die Methoden meiner Eltern, mich zum Essen zu bewegen, veränderten sich auch mit der Zeit. Mal versuchten sie es mit Druck und Drohungen, was ich als das Schlimmste empfand, mal mit Flehen und Bitten und am Ende ließen sie mich auf Anraten meines Therapeuten (ambulante Therapie), zu dem ich seit einem halben Jahr gehe, fast in Ruhe.

Ich ging dann meistens 1 x die Woche einkaufen, stand jedes Mal vor dem gleichen Regal und verglich für mindestens eine halbe Stunde jedes Mal die Kalorienwerte aufs Neue, nur um das kalorienärmste Produkt ausfindig zu machen. Mittags kochte ich dann für mich selber und abends ließ ich die Mahlzeit fast immer ausfallen. Zu Beginn kämpfte ich noch mit dem Hunger, aber mit der Zeit verging der dann und ich hatte den ganzen Tag über kein Hungergefühl mehr.

Zu der Zeit hatte ich mein Zielgewicht schon längst unterschritten und ich bildete mir ein, mich mit jedem Kilo weniger besser zu fühlen. Und eines Tages begann ich dann auch tatsächlich, einen Schokoriegel zu essen. Dies wurde dann zur Gewohnheit. Doch leider blieb es nicht bei dem einen, sondern ich bekam richtige Fressattacken. Zu Beginn glich ich das durch extremes Hungern aus, doch letztendlich war mir das zu mühselig und ich erbrach. Das war immer besonders schlimm, weil ich mich erstens dabei ständig verstecken musste, was mir nicht immer gelang und meine Eltern rasteten dann aus und zweitens fühlte ich mich danach immer total wertlos, überflüssig, verschwenderisch, schuldig und ich schaffte nur unnötige Probleme, die ohne mich nicht da waren. Es ging immer mehr bergab mit mir, die ambulante Therapie brachte rein gar nichts und die Fressanfälle nahmen immer mehr zu.

Letztendlich stimmte ich nach viel zu langer Zeit, in der ich mir die ganze Zeit meine Krankheit nicht eingestehen wollte, dem Aufenthalt in dieser Klinik zu. Und ich muss sagen, es war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Ich bin sehr glücklich darüber und meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mir immer versucht haben zu helfen, obwohl dies nicht immer auf dem richtigen Weg geschah.

Als ich 11 Jahre alt war und in die 5. Klasse auf die Realschule kam, wurde es total schlimm. Meine Noten wurden immer schlechter und ich wurde wegen meinem Aussehen massiv gehänselt. Ich bekam dadurch Selbstmordgedanken und hatte ein paar mal versucht, mich nach jedem Essen zu übergeben. Ich bekam große Angst, in die Schule zu gehen, hatte Angst vor Klassenarbeiten und ging jeden Morgen mit starken Kopf- und Bauchschmerzen in die Schule. Ich hatte mich völlig aufgegeben und dachte immer, dass ich sowieso nichts wert wäre. Dann merkte ich, dass mich Süßigkeiten glücklich machten und immer, wenn ich total frustriert war, aß ich Schokolade und andere Süßigkeiten.
Weil ich unbedingt abnehmen wollte, meldete ich mich bei einem Abnehmkurs an. Es wurde überhaupt nicht besser, sondern immer schlimmer. Mein Leben bestand zu diesem Zeitpunkt nur aus quälendem Sport und Lernen. Ich stand total unter Stress und aß dadurch noch mehr und nahm immer weiter zu.
Weil ich es auf dieser Realschule vor lauter Hänseleien nicht mehr aushielt, wechselte ich auf eine andere Realschule. Ich machte mir viele neue Hoffnungen. Anfangs war es dort ganz schön, aber schon nach 3 – 4 Wochen wurde es für mich auch dort zur Qual. Alle dissten mich wegen meiner Figur, beschmissen mich mit Flaschen, Kugelschreibern und Papier. Meine Noten wurden deshalb noch schlechter, ich hatte fast jeden Tag einen Fressanfall, kaufte mir Unmengen Süßes und aß, bis mir total schlecht war.

Dann dachte ich oft über das Ritzen nach, ich versuchte es ein paar Mal, aber ich konnte es nicht und wurde immer trauriger. Weil ich so schlechte Noten hatte, nannten mich die anderen „Versagerin“, „fettes Vieh“, und „fettes Stück Scheiße“. Ich fragte mich oft, was mein Leben eigentlich für einen Sinn hätte, hatte nachher sogar schon morgens Fressanfälle. Im Sommer 2005 blieb ich dann auch noch sitzen, ich musste die 8. Klasse wiederholen, dann brach meine Welt völlig zusammen, aber ich machte mir neue Hoffnungen.
Nach den Sommerferien kam ich auf die Hauptschule. Dort wurde es schon etwas besser, meine Noten haben sich radikal verbessert. Aber da ich total verletzlich war, hab ich immer noch nach kleinen Auseinandersetzungen mit meinen Mitschülern immer sehr viele Fressanfälle gehabt. Ich schämte mich total dafür, aber ich konnte nie mit einem darüber reden und ich sah nie einen anderen Ausweg.

Dann suchte ich mir Hilfe bei einer Psychologin. Eines Tages musste ich einen Fragebogen ausfüllen. Da ich wusste, dass es so nicht weitergehen kann, schrieb ich auf ein Blatt, dass ich regelmäßige Fressanfälle hätte.  Die Psychologin redete mit mir und meiner Mutter darüber und überwies mich zur Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort führte ich mit meinem Psychologen viele Gespräche. Er empfahl mir, eine Kur zu machen. Meine Krankenkasse schickte mich dann hierhin.
Ich blieb insgesamt 10 Wochen dort und habe mich eigentlich total verändert. Ich habe abgenommen, bin selbstbewusster, selbstsicherer und glücklicher geworden. Und jetzt komme ich mit dem Essen sehr gut zurecht, habe keine Fressanfälle mehr und mache jetzt sehr gerne Sport.

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Film zum Thema Adipositas (Übergewicht)

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Erfahrungsbericht aus: Gute Klinik schlechte Klinik

Zur Versorgungslage von Essstörungen in Deutschland

Ergebnisse einer Online-Befragung 2001-2010 der Uni-Leipzig zum subjektiv erlebten Nutzen stationärer Therapie bei Patientinnen mit Essstörungen.

Erfahrungsberichte der Befragten zur Klinik am Korso
(Vgl S. 31 und S. 59. Den kompletten Bericht kann man sich hier ansehen http://www.ab-server.de/uploads/media/GKSK_Langfassung_2010.pdf)