Übergewicht / Adipositas

Film zum Thema Adipositas (Übergewicht)

Kennzeichen von psychogenem Übergewicht

Übergewicht aufgrund seelischer Ursachen (psychogene Adipositas) ist, trotz der von Experten vermuteten Häufigkeit, kein an sich abgegrenztes Krankheitsbild wie etwa die Binge-Eating-Störung. Betroffene essen meist übermäßig viel und leiden unter ihrem hohen Gewicht, sind sich aber häufig der seelischen Hintergründe ihres Leidens gar nicht bewusst. Deshalb suchen sie sich Hilfe auch oft in Diäten und Abnehmprogrammen und weniger in einer Psychotherapie ihrer eigentlichen Essstörung oder in einem Anti-Diät-Konzept.

Esssucht zur Gefühlsregulation

Oft nutzen Menschen mit einer psychogenen Adipositas Essen, um unangenehme Gefühle wie Ärger, Langeweile, Traurigkeit oder Einsamkeit zu bewältigen. Manchmal dient die Gewichtszunahme unbewusst dazu, sich durch das Übergewicht einen „Schutzpanzer“ zu schaffen, insbesondere dann, wenn Kritik oder Zurückweisung als sehr belastend erlebt werden oder ein hoher Harmoniebedarf besteht. Durchaus häufig sind sie aber innerlich sehr empfindsam und verletzlich und verwenden Essen als eine Möglichkeit der Gefühlsregulation und „Ersatzbefriedigung“.

Wo finde ich Hilfe bei Adipositas?

In der Adipositas Therapie machen PatientInnen mit dieser Form der Essstörung deshalb wiederholt die Erfahrung, dass eine Gewichtsabnahme durch Diäten zwar möglich ist, sie aber nachher schnell wieder zunehmen, weil sie ihr Essverhalten nicht bleibend verändern konnten. Für eine dauerhafte Gewichtsreduktion ist es in solchen Fällen notwendig, andere Bewältigungsstrategien für die innerseelischen Hintergründe des Essverhaltens zu finden. Ein Anti-Diät-Konzept ist dann deutlich sinnvoller als eine Reduktion der Kalorienzufuhr.

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Essen nimmt in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert ein. Es ist nicht nur lebensnotwendig, sondern auch von großer sozialer Bedeutung. Bereits Kleinkinder lernen, dass Essen mit Zärtlichkeit und Geborgenheit verbunden ist. Jeder kennt vermutlich sowohl positive wie auch negative Geschmackserinnerungen aus der Kindheit, die eng verknüpft sind mit Gefühlen und bestimmten Ereignissen. Leiden Kinder und Jugendliche unter psychosozialen Problemen, können auch Störungen im Essverhalten auftreten. Eine solche Essstörung ist die Adipositas. Die Adipositas, zu Deutsch als „Fettsucht“ bezeichnet, ist durch eine große Ansammlung von Fettgewebe im Körper gekennzeichnet, meist als Folge übermäßiger Nahrungsaufnahme. Die Adipositas hat in Deutschland längst epidemische Ausmaße erreicht. Bereits jeder zweite Bundesbürger ist übergewichtig, jeder fünfte leidet an Adipositas.. Auch bei Kindern und Jugendlichen hat Übergewicht drastisch zugenommen. Tatsache ist, dass Übergewicht und Adipositas hohe Kosten für das Gesundheitssystem verursachen. Knapp 5 Prozent aller Gesundheitsausgaben in den Industrieländern werden für die Behandlung der Adipositas und ihrer Folgen aufgewendet.
Praktisch alle unsere adipösen Patienten haben im Vorfeld bereits seit Jahren vergeblich versucht abzunehmen, sei es mittels Medikamenten, Diäten oder der Teilnahme an Selbsthilfegruppen. Selbst operative Maßnahmen führen in vielen Fällen nicht zur erwarteten dauerhaften Gewichtsreduktion, insbesondere nicht bei den Patienten mit Essanfällen. Adipöse werden oft nicht ernst genommen, werden gehänselt und diskriminiert. Vielfach werden ihnen Vorwürfe gemacht, sie sollten sich mehr zusammennehmen und weniger essen. Eine echte Hilfe ist oft schwer zu bekommen. Auf die frustrierenden Versuche abzunehmen reagieren sie mit Resignation und Depression. Bestehen bereits gesundheitliche Folgeschäden, ist die Berufs- und Erwerbsfähigkeit deutlich eingeschränkt oder bedroht, was wiederum zu erheblichen psychosozialen Beeinträchtigungen führt. 

Die Adipositas, sofern sie nicht organische Ursachen hat, rührt in erster Linie von falschen Essgewohnheiten her. In vielen Fällen dient das „Überessen“ als Ersatzbefriedigung. Nicht umsonst wird in diesem Zusammenhang der Begriff „Sucht“ verwendet. Oft führen Störungen in der psychosozialen Entwicklung dazu, dass Konflikte und Probleme durch übermäßiges Essen vermieden und unterdrückt werden. Man schluckt sie herunter und stopft sie in sich hinein. Vielfach scheinen adipöse Übergewichtige auch nicht in der Lage zu sein, psychischen Hunger von physischem Hunger zu unterscheiden. Zu dieser Beobachtung passt auch, dass Adipöse häufig stärker auf Reize aus ihrer Umgebung, als auf innere Bedürfnisse reagieren. Essen scheint weiterhin eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Depressionen und der Abwehr von Ängsten zu spielen. Rein physiologisch kann Süßhunger bei entsprechender Gemütsverfassung damit erklärt werden, dass nach kohlenhydratreichen Mahlzeiten vermehrt Vorstufen der Neurotransmitter Serotonin und Tyrosin ins Blut gelangen. Die Folge: Genauso wie spezifische Psychopharmaka haben diese Stoffe eine antidepressive Wirkung. Dies stellt aber nur eine trügerische Hilfe dar, da diese Wirkung nur kurz anhält und die vermehrte Nahrungsaufnahme letztlich das Gefühl von Unzulänglichkeit und Unzufriedenheit mit sich selbst nur verstärkt.

Hilfe suchen adipöse Menschen häufig in Diäten. Beim Erscheinen jeder neuen Diät wird geglaubt, jetzt die ideale Lösung gefunden zu haben, jede noch so unsinnige Ernährungsregel (z.B. keine Kohlenhydrate nach 18.00 Uhr, kohlenhydratfreie Kost etc.) wird ausprobiert. Dabei sind die sozialen Medien oft keine Hilfe, da sich dort viele wenig zielführende und sich oft widersprechende „Tipps“ oder „goldene Regeln“ finden Manchmal mit hoher Disziplin werde diese eine Weile verfolgt – bis die ersten Heißhungeranfälle die Bemühungen wieder zunichte machen. Dieser restriktive Heißhunger führt zusammen mit dem durch das Fasten herabgesetzten Grundumsatz zum so genannten Jo-Jo-Effekt. Deshalb ist für Menschen mit einer psychogenen Essstörung eine Anti-Diät eine viel sinnvollere Hilfe als eine Kalorienreduktion. Paradoxerweise hat also das restriktive Schlankheitsideal in unserer Gesellschaft gerade zu einer Zunahme der Adipositas geführt. Umgekehrt kann die gesellschaftliche Vorstellung von Schönheit und Schlanksein eine sekundäre psychische Pathologisierung bedingen, indem es bei Übergewichtigen zu Selbstwertproblemen, Partnerlosigkeit und zum depressiven Rückzug kommt.

Die Klinik am Korso arbeitet nach einem Anti-Diät-Konzept. Wir sind der Überzeugung, dass Verbote und Restriktion keine Hilfe darstellen und letztlich nur Essanfälle und Heisshunger verstärken. Von Adipositas Betroffene brauchen unseres Erachtens weder Ermahnungen zu mehr Disziplin noch eine Reglementierung. Vielmehr ist die beste Hilfe, zu einem ausgewogenen und gelassenen Essverhalten beizutragen. Unsere PatientInnen sollen bei uns lernen, Hunger und Sättigung (wieder) wahrzunehmen, ihren Körper gut zu behandeln und ihm ausreichend Nahrung zu geben. Dafür ist es oft notwendig, an emotionalem Hunger zu arbeiten und an Strategien, diesen anders als mit Essen zu bewältigen. 

Untersuchungen, die wir in der Klinik am Korso durchführten, konnten zeigen, dass sich bei adipösen Patienten das durchschnittliche Gewicht von 122 Kilogramm zu Beginn der Therapie auf 112 Kilogramm bei Behandlungsende reduziert hat. Das Anti-Diät-Konzept der Klinik legt eine moderate zu erreichende Gewichtsreduktion nahe. Versprechungen wie „15 Kilo in 3 Wochen“ können und möchten wir nicht machen. Wir sind auch überzeugt, dass eine solche Gewichtsabnahme unweigerlich bedeutet, dass der Körper im Hungerstoffwechsel ist und bei wieder ausreichender Nahrungszufuhr sofort wieder zunehmen wird.  Die Hilfe, die unsere PatientInnen benötigen, besteht also vor allem im Erreichen eines Essverhaltens, das eine langsame längerfristige Gewichtsabnahme ermöglicht. In katamnestischen Untersuchungen nach zwei Jahren konnten wir feststellen, dass in der Therapie Erreichtes über längere Zeit aufrecht erhalten wird, so etwa die Verbesserung des Gesamtbefindens, das Essverhalten, das „Sich-im- Körper-zu-Hause-fühlen“ sowie das Selbstwertgefühl. Wir hoffen, dass wir unsere Erfolge durch verbesserte Nachsorge und einen noch reibungsloseren Übergang in nachstationäre Behandlungsprogramme weiter optimieren können. Besonders wichtig ist es hier, einen körperpsychotherapeutischen Zugang zu den verdrängten Gefühlen unserer PatientInnen zu bekommen. Aber auch der Umgang mit Leidensgenossen, der gegenseitige Austausch von Erfahrungen und die daraus entstehende Unterstützung tragen wesentlich zum Erfolg der Behandlung bei. Dabei hat sich die gemeinsame Behandlung mit anderen Formen der Essstörungen besonders bewährt, und zwar in dem Sinne, dass die Gemeinsamkeiten viel grösser sind als die Unterschiede. Oft liegen hinter den verschiednenen Essstörungen ganz ähnliche Persönlichkeiten und Schwierigkeiten; die Wege der Bewältigung sind aber unterschiedlich. So können Adipöse von der Willensstärke und Ich-Konsistenz von Magersüchtigen und von der Impulsivität und Spontaneität von Bulimikerinnen profitieren, während anorektische und bulimische PatientInnen wiederum positiv von der Weiblichkeit und Genußfähigkeit unserer adipösen PatientInnen beeinflusst werden.

Übergewicht und/oder Adipositas liegen bei einer über das Normalmaß hinausgehenden Vermehrung des Körperfetts vor. Basis für die Beurteilung ist die Einteilung in die Gewichtsklassifikation der WHO nach dem Body Mass Index (BMI), zu deutsch Körper-Masse-Index. Diese Gewichtsklassifikation ist der Quotient aus Gewicht und Körpergröße zum Quadrat kg/cm²; d.h. der BMI.

Gewichtskategorie

BMI

Gesundheitsrisiko

Prä-Adipositas

≥25-29,9 kg/m²

gering erhöht

Adipositas Grad I

30,0-34,9 kg/m²

erhöht

Adipositas Grad II

35,0-39,9 kg/m²

Hoch

Adipositas Grad III

≥ 40,0 kg/m²

sehr hoch

WHO (2000) Obesity: preventing and managing the global epidemic. WHO Technical Report Series No 894.


Die Adipositas wird dabei als eine chronische Gesundheitsstörung betrachtet, die mit vielen Begleiterkankungen und massiven Folgeschäden einher geht. Schätzungen zufolge verursachen Übergewicht und Adipositas ca. 5% aller Ausgaben für Gesundheit in den Industrieländern.

Neben dem Ausmaß des Übergewichts, ist auch die Art der Fettverteilung maßgeblich dafür, welche metabolische (Stoffwechsel) und kardiovaskuläre (Herz-Kreislauf) Gesundheitsrisiken bestehen. Zur Beurteilung kann man das Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang, die sogenannte Waist-to-Hip-Ratio, ermitteln (Taillenumfang/Hüftumfang= WHR)  Die WHR sollte bei Männern unter 1,0 und bei Frauen unter 0,85 liegen. Liegen die Werte darüber so spricht man von  einer abdominalen Adipositas, d.h. es befindet sich ein großer Teil des Körperfetts im Bauchbereich. Patienten mit dieser Form der Adipositas sind sehr viel stärker gefährdet.
Ein weiterer Parameter für die Klassifizierung der Adipositas ist der Taillenumfang. Ein leicht erhöhtes Risiko liegt laut Pouliot (1994)* vor wenn der Taillenumfang bei Männern über 94 und bei Frauen über 80 liegt. Stark erhöht ist das Risiko bei einem Taillenumfang von über 102 cm bei Männern und über 88 cm bei Frauen.

Literatur:
Pouliot MC, Despres JP, Lemieux S, Moorjani S, Bouchard C, Tremblay A, Nadeau A & Lupien PJ (1994): Waist circumference and abdominal sagittal diameter: best simple anthropometric indexes of abdominal visceral adipose tissue accumulation and related cardiovascular risk in men and women. Am. J. Cardiol. 73, 460–468.


Fast jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist deutlich übergewichtig und sollte aus medizinischen Gründen Gewicht abnehmen. Man geht davon aus, dass ca. 20% der Bevölkerung einen BMI > als 30 haben.

Unser Konzept zur stationären Psychotherapie der Adipositas zielt auf

  • Veränderung des gestörten Essverhaltens (Anti-Diät) 
  • Heranführen an angemessene Bewegung 
  • Entwicklung eines angemessenen Selbstwertgefühls 
  • Bearbeitung von Konflikten

Dementsprechend gehört dazu

  • Psychotherapie zur alternativen Bewältigung zugrundeliegender Schwierigkeiten
  • Information über angemessene Ernährung, Portionsgrössen, Nahrungszusammensetzung
  • Ernährungstherapeutisch ausgerichtete Adipositas-Behandlung mit verhaltenstherapeutischen Elementen wie Einkaufstraining, therapeutisches Kochen, Mahlzeitenplanung, Portionierung etc.   
  • Adipositas-Bewegungsprogramm (Frühsport, Bewegungstherapie, Schwimmen, Nordic Walking, Rückenschule) sowie

Ganz explizit verfolgt die Behandlung in der Klinik am Korso kein Diätkonzept. Wir sind der Meinung, dass Verbote und reduziertes Essen Hunger- und Sättigungsempfinden schädigen; zudem schaltet der Körper bei einer Diät auf „Sparflamme“ und reduziert seinen Verbrauch. Deshalb nehmen Menschen nach einer Diät in aller Regel mehr wieder zu als sie während der Diät an Gewicht verloren haben – der bekannte „Jojo-Effekt“. Außerdem können nur die wenigsten Menschen sich ein Leben lang disziplinieren. Viel sinnvoller ist es, sich ausreichend aber nicht übermäßig zu ernähren. Dann strebt der Körper von ganz allein in Richtung Normalgewicht. Deshalb verfolgen wir ein Anti-Diät-Konzept, in dem keine Nahrungsmittel ausgeschlossen sind, Gemieden werden nur künstliche Süßstoffe und Geschmacksverstärker, da sie die Entwicklung eines gesundes Sättigungsempfindens behindern.

Gerade körperliche Bewegung bedeutet für übergewichtige Menschen eine große Überwindung. Auch deswegen ist das Adipositas-Bewegungsprogramm obligater Bestandteil der Therapie, ist also verpflichtend, sofern körperlich durchführbar. In Gruppen trainieren unsere PatientInnen täglich unter fachlicher Anleitung. Bei richtig durchgeführtem Training stellt sich bald ein Trainingseffekt ein, der zur Verbesserung der physischen Leistungsfähigkeit und zur Gewichtsreduktion führt. Ein weiterer positiver Effekt der Bewegungstherapie liegt in der Stärkung des Selbstvertrauens und der Minderung von Depressionen. Diese Effekte sind meist überzeugend und motivationsfördernd.

Sehr wesentlich ist auch die Wissensvermittlung bezüglich der gesundheitlichen Aspekte der körperlichen Aktivität. Ziel ist es, PatientInnen zu langfristiger körperlicher Aktivität anzuleiten und zu motivieren.  
Das langfristige Ziel unserer Psychotherapie ist es, dass unsere PatientInnen

  • Sich besser fühlen und annehmen,
  • ein normales Essverhalten wiedererlangen,  
  • eine dauerhafte moderate Gewichtsreduktion erreichen,  
  • ihre körperlichen Aktivität steigern,
  • ihre körperlichen und Belastbarkeit verbessern, 
  • ihre psychischen Belastbarkeit verbessern,
  • die Morbidität- und Mortalitätswahrscheinlichkeit sinkt.

Die Psychotherapie kann Adipösen helfen, zufriedener zu leben, indem sie befähigt werden, schmerzliche Gefühle besser zu ertragen, sich selbst mehr wertzuschätzen und ihren Körper weniger abzuwerten. Damit vermindert sich die Gefahr des Zu-viel-Essens, insbesondere des Auftretens von Fressattacken. Im Gegensatz zu anderen Erkrankungen kann die Adipositas kaum versteckt werden, deshalb werden fettleibige Menschen in der Öffentlichkeit meist angeglotzt, bestaunt und verspottet. Aus diesem Grunde meiden sie häufig Orte, an denen sie Zielscheibe für Spott und Diskriminierungen werden. Zusammen mit der Stigmatisierung des Übergewichts entstehen so auch erhebliche psychosoziale Komplikationen durch die Adipositas. Für eine umfassende Hilfe ist deshalb nicht nur die Veränderung des Ernährungsverhaltens nach einem Anti-Diät-Konzept wichtig, sondern auch eine Arbeit an Selbstwerterleben und Selbstakzeptanz.